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Rezension norway.today

 

Es geht zu Ende. Für die 20-jährige Julie besitzt das Leben keinen Sinn mehr. Sie hat alles gesehen und alles erlebt. Wofür noch weitermachen? Wäre es nicht besser, dem Leben einen versöhnlichen Abschluss zu geben, am Höhepunkt abzutreten? Besser als langsam dahinzuvegetieren bestimmt. Doch nicht allein. Es muss zu zweit sein. Denn alleine ist man ein Freak, ein Verrückter, doch zu zweit ist man jemand. Nicht nur du denkst so, auch andere sind gleichgesinnt.

„norway.today“ nach Igor Bauersima ist ein Theaterstück, das den Nerv unserer Zeit wie kaum ein zweites trifft. Nachdem es seit seiner Uraufführung im Jahre 2000 mit Preisen überschüttet wurde und sich zu einem der meistgespielten Theaterstücke des deutschsprachigen Raums etabliert hat, wurde es nun auch in das Programm der Österreichischen Länderbühnen aufgenommen und am Mittwoch, dem 07.12.2011, in der HTBLA Zeltweg aufgeführt. Hannah Victoria Bauer und Daniel Ogris stellten dabei unter Regie von Adele Kobalt die vom Selbstmord verführten Julie und August da.

   

Julie und August treffen sich in einem Chatroom. Sie hat den Lebenswillen verloren und möchte sterben, er ist verzweifelt und sucht nach einem Ausweg. Sie verstehen sich sofort. Es entwickelt sich ein reger Gedankenaustausch zwischen ihnen, der nur ein Ziel kennt: den gemeinsamen, freiwilligen Tod. Nach anfänglichem Abtasten und Kennenlernen beschließen sie, sich zu treffen und gemeinsam auf die Reise zum letzten Ort ihres Lebens zu machen: einem norwegischen Fjord, mit dem Julie Kindheitserinnerungen verbindet.

Schließlich erreichen sie den Fjord. Sie sind beide in einer Hochstimmung, wissend, bald zu sterben. Doch es kommt anders. In der Nacht – die die letzte ihres Lebens sein sollte – werden sie von Zweifeln heimgesucht und klammern sich an ihr Leben. Nacheinander erkennen beide, dass sie leben wollen und dass der Grund, warum sie sterben wollen, darin liegt, dass ihr Leben doch nicht so vollkommen ist, wie sie ursprünglich zu denken glaubten. Wie vom Blitz getroffen erkennen sie – zum ersten Mal in ihrem Leben – dass sie in Wahrheit nur auf der Suche nach einem Gleichgesinnten sind, jemandem, der die Welt mit gleichen Augen betrachtet und ähnlich denkt. Doch das reicht nicht. Zwar haben sie aneinander das gefunden, was sie ihr Leben lang suchten, doch sie sind zu enttäuscht und zu verbittert um dies zu erkennen. Das Ende naht. Und dann, als alles schon beschlossen scheint, als sie ihre Abschiedsworte schon vorbereitet hatten, kommt das Unvorhergesehene. Ein Polarlicht taucht über ihnen auf. Etwas, das nur Polarforschern vorbehalten war, kommt ihnen, an der Küste Norwegens entgegen. Es arbeitet in ihnen. Sie erkennen, was sie an sich haben, und als die Nacht dem Tag weicht, erkennen sie, dass sie leben wollen. Zusammen.

 

Die Darstellung des Stücks war gekonnt umgesetzt. Die Schauspieler wirkten über die ganze Darstellung überzeugend. Der Einsatz von Film und Internet als Medien des Theater trug seinen Beitrag dazu bei, die Spannung über das ganze Stück aufrecht zu erhalten, und offensive Einlagen – die den Schauspielern sichtlich Spaß machten – lockerten das Stück deutlich auf. Ohne Frage ist das Stück meisterlich geschrieben, verpackt es doch ein brennend heißes Thema in einem attraktiven Schauspiel. Ein Spaß für Freunde der Kunst und Empathie.

©  Florian Bauer  5AHMIM